Sonntag, 9. November 2014
Innenstadtfenster
Wie so oft hat es die Nacht nicht geschafft, mich festzuhalten und so beschließe ich, meine unfreiwillige Freiheit zu nutzen und schäle mich aus den Decken. Scheue, nackte Füße berühren den Boden, ich kehre auf halbem Weg zum Fenster um, plötzlich entschlossen, die Decken doch nicht zu verlassen.
Zehn unruhige Minuten später sitze ich, zur minimalen Masse zusammengedrängt auf der Fensterbank, die Decke um meine Schultern geschlungen. Trotz der Kälte habe ich die Glaswand zwischen mir und der Welt nicht ausgehalten und den Riegel geöffnet, jetzt versuche ich mir einzureden, der Wind mache mich lebendiger. Fünf Stockwerke unter mir flackert eine einsame Straßenlaterne und wirft unruhige Schatten zwischen die Baustellenzäune. Es ist kurz nach Zwölf, zu spät für die Studenten, die zwanghaft versuchen, verboten zu sein und zu früh für die wahren Gestalten der Nacht. Eine einsame Frau überquert die Betonbühne, in der Hand ein paar Stöckelschuhe, die Blasen an den Füßen unter einer von diesen Nylonstrumpfhosen verborgen, die nicht länger halten als die Träume, wegen derer sie getragen werden. Das verschmierte Make-up, das die Schatten unter ihren Augen betont, lässt sich von hier oben nicht erkennen, aber ich weiß, dass es da ist.
Ich lehne den Kopf an den Fensterrahmen, starre in den mattgrauen Stadthimmel. Man kann die Sterne nicht sehen, dafür aber die Schlieren eines verschwommenen Tages. Leise schließe ich die Augen.
Über den Dingen, einsam, verschließe ich mein Inneres sorgfältig und krabble dann wieder ins Bett.
Frisch wird die Luft nicht, nicht hier.
Ich finde mich mit dem flachen Atem der Oststadt ab.

Alles Liebe,
Mer-Yan



Tagebuchfragment (8.11.14)
Ich wäre gerne einfach das Mädchen gewesen, das Gras im Sonnenlicht faszinierend findet.
Stattdessen bin ich das Mädchen, das darüber nachdenkt, was es über einen Menschen aussagt, wenn er Gras im Sonnenlicht faszinierend findet.

Alles Liebe,
Mer-Yan



Tagebuchfragment (20.4.14)
Was ist denn eine platte Formulierung?
Jede typische, häufig verwendete Phrase, Kette von Worten?
Ist es immer schlecht, von anderen zu übernehmen, ihre Sprache zu stehlen?
Vielleicht haben sie ja auch die Wahrheit gefunden und durch die Umschreibung entfernen wir uns wieder davon?
Ewiges im-Kreis-Jagen?
Ist Wiederholung, also Wiederverwertung in neuem Kontext nicht Recycling in seiner besten Form?

Alles Liebe,
Mer-Yan



Tagebuchfragment
Während die Romantik sprudelnd, überschäumend, weint, hält die moderne keine Spannung aus und zerreißt brüchig und zäh wie Kaugummi. Jeder sieht die Gefühle, aber keiner findet sie.

Alles Liebe,
Mer-Yan



Fragmente im Abendleuchten der Laternen
Ich kann nicht viel tun, mit diesen Händen, die häufiger einen Stift halten als menschliche Wärme. Sie sind wohl nicht dazu geschaffen, große Taten zu vollbringen. Zumindest nicht allein.
Dabei habe ich ja nicht viel mehr als sie. Meine Wörter und meine Hände.
Aber was ich kann, was ich kann, was ich kann, ist diese Wörter zusammensetzen. Und eine Welt zeichnen. Aus lauter kleinen Strichen. Und Wörtern.

Gefunden beim Tagebuchausmisten (9.1.14)
Alles Liebe,
Mer-Yan



Samstag, 18. Oktober 2014
Gesprächsfetzen
Zum Glück hab ich die blaue benutzt
Ah, was ist in den Taschen
Ich kann auch aus deiner trinken
Hah, Pfannkuchen auf dem Gras
Hahaha, oh mein Gott
Und auf des ganze Band draufsprechen
Beratungskurs
Bischt voll hübsch
Ich find den hässlich ohne Ende
Nein, Mami Ball
Ne, hühühü
Ja, wolln wir
Tag der Verzweiflung
Is des nass
Ja, aber der muss jetzt seine ursprüngliche
Könn wir jetzt zu Meggez
Sag jetzt ja, oder nein
Üah, toll
Abgenommen von dir
Oh, Sapira! Tomaten
Dass die Höhlenmalereien
Ich vertrau dir vollkommen


Was für eine herrliche Beschäftigung!
Alles Liebe,
Mer-Yan



Freitag, 3. Oktober 2014
Selbstgespräch
Wie immer ist dieser ein ganz normaler Morgen. Ich stehe auf und möchte am liebsten wieder umkippen, klammere mich an der Bettkante fest und sehe aus dem Fenster auf das kleine Stück Himmel in der Häuserritze, das auch nicht weniger grau ist als der Beton. Meine Motivation hat sich schon lange verabschiedet und so laufe ich ohne sie los, fühle mich so nackt wie immer, aber es muss mir ja nicht peinlich sein, schließlich geht es allen so. Wie immer versuche ich die Melodie im Lärm der Stadt zu erkennen.

Wie immer fühlt sich die Straßenbahn klebrig an und das kleine dreijährige Kind neben mir ist noch zu jung um zu wissen, dass man den Sound bei Angry Birds auch ausstellen kann. Quietschend schleppt sich der altersschwache Wagon durch die Stadt und die schlechte Laune schwappt nach draußen, vermischt sich mit dem unentschlossenen Gerade-so-kein-Regen-Wetter. Vielleicht lächelt mich ja später ein Regentropfen an.

Während ich, wie immer, beim Aussteigen natürlich der alten Frau den Vortritt lasse und deshalb ihren Gehstock in den Fuß gerammt bekomme, schweift mein Blick unwillig zum großen Gebäude vor mir, dessen hässliches Grau von der Wolkendecke vorteilhaft betont wird. Wie jeden Tag beobachte ich mit leisen Gedanken wie die Glastüren Existenz nach Existenz verschlucken und wie die oberen Fenster wegen Magenkrämpfen stöhnen und ächzen.

Wie immer wird sich auch mein winziger Geist gleich mit den anderen in den Rachen der altersschwachen Räume hineinwürgen lassen und nach mir noch so viele andere, bis wir dann irgendwann wieder ausgekotzt werden. Dann wird es dunkel sein. Wie jeden Tag.

Wie immer stockt mein Blick an dem kleinen, schwächlichen Apfelbaum den irgendein Hoffnungstrunkener mal in das winzige Stück vertrocknete Erde gepflanzt hat, in dem unzählige Hunde täglich ihr Geschäft verrichten.

Wie immer ist er noch ein Stück schwächer geworden.

Eigentlich ist er kaum noch da.

Ich mache einen Schritt auf ihn zu und verziehe die Nase wegen des furchtbaren Gestanks.

Wie immer liegt er erschöpft auf der Erde, aber heute liegen seine Wurzeln neben ihm in der Hundescheiße.

Wer auch immer das getan hat, denke ich, ist noch verzweifelter als ich.

Und da drehe ich mich um und gehe einfach in die andere Richtung.

Eine ganze Weile ist Keuchen und Rennen, das mein überflutetes Gehirn tun kann, aber dann erschlägt mich der Moment und ich bleibe stehen.

Ich stehe allein in der Seelenverwüstung und sehe mir ins Gesicht.

„Komm schon“, sage ich, „Lass uns Wahrheit oder Pflicht spielen!“

„Los geht’s, mach mit, das machst du sicher nicht mit vielen
Und es macht Spaß. Du fängst an.“

„Gut“, antworte ich, „Wahrheit oder Pflicht?“
„Wahrheit.“ Lächelnd sehe ich mir ins Gesicht,

Was hab ich schon groß vor mir zu verbergen,
Mein Leben ist doch viel zu banal um zu zählen,
Meine Geschichten wird niemand aufschreiben,
Was nützt es mir, eine Meinung zu haben,
wenn sie doch ohnehin keinen kümmert,
Wieso sollte ich Wissenschaft suchen,
Wenn sie mir doch ohnehin nichts bringt?
Und da stehe ich, und weiß die Antwort nicht.

Während ich noch grüble kommt leise
mein Gewissen angeschlichen.
Damit es mir keinen Regelbruch vorwirft,
Gebe ich den Ball gleich ab und sage:

„Komm, lass uns Wahrheit oder Pflicht spielen,
das machst du sicher nicht mit vielen
Und vielleicht können wir sogar daraus lernen.“

Mach denselben Fehler nie zweimal:
Das Gewissen beginnt.
„Wahrheit oder Pflicht?“, frage ich
Und es antwortet: „Pflicht.“

Schweig!

Befehle ich, doch es meint:
„Das wäre doch unverantwortlich

Und sowieso, das bringt doch so nichts,
Lass uns das Herz rufen."

Und also gehe ich und hole das Herz aus seinem Käfig.

„Komm, lass uns Wahrheit oder Pflicht spielen,
das machst du sicher nicht mit vielen.“

„Wahrheit“, sagt das Herz und schweigt.

„Vermisst du die Freiheit?“

„Durchgehend“, sagt das Herz,

„Wirst du mich deshalb freilassen?“

„Nein“, sage ich. Mein Intellekt nickt eifrig.

Ich lächle ihm zu.

„Komm“, sage ich, „lass uns Wahrheit oder Pflicht spielen!“



Nur ein Entwurf, eine spät abendliche oder früh morgendliche Umsetzung einer Idee die meinen Kopf heimgesucht hat.
Da die Wörter so schnell gewirbelt sind, dass ich Kopfweh bekommen hätte, wenn sie nicht freigesetzt worden wären habe ich erst einmal irgendetwas geschrieben und werde das noch irgendwie verfeinern...
Alles Liebe,
Mer-Yan



Montag, 15. September 2014
Und das glaube ich ist es, was mir am meisten Traurigkeit macht
Irgendwo kam die Frage auf, was jemanden am glücklichsten macht. Da diese Frage nicht einfach zu beantworten ist kam mein Gehrin natürlich direkt auf die andere Seite und die Frage, was mich am Traurigsten macht. Sieht man von den weltpolitischen Themen und der allgemeinen Dummheit der Menschen ab, ist es glaube ich dies:
Viele Menschen verschließen sich vor anderen, viele Menschen haben Probleme damit, ihr Herz zu öffnen.
Bei mir ist das anders.
Mein Herz ist mehr als bereit, sich zu öffnen, sich aufzureißen und dem Sonnenlicht zu präsentieren.
Ich habe einfach das Gefühl, dass es das Sonnenlicht nicht interessieren würde.
Alles Liebe zum Abend,
Mer-Yan



Mittwoch, 27. August 2014
Nächte
Nächte, in denen man sich ganz allein und von Kälte umgeben fühlt, verschwinden, wenn man das Licht anmacht und das richtige Buch herauszieht.
Nächte, in denen man die ganze Sinnlosigkeit der Welt auf seinen Schultern zu tragen glaubt, verschwinden, wenn man leise ins Kopfkissen weint und all das dem Tagebuch anvertraut.
Nächte, in denen man die schiere Panik vor Verlust und Verlassenwerden wie Metallstäbe im Kopf wahrnimmt, verschwinden, wenn man ins Nachbarzimmer geht und sich in die warme Umarmung der Mutter schmiegt.
Nächte, in denen man ohne Hoffnung in die Zukunft schaut und die Tränen zu schwer sind um geweint zu werden, verschwinden, wenn man alle Trauer in ein Gedicht presst und ein klammheimliches Stück Schokolade vertilgt.

Nächte, in denen die Poesie wie dunkle Harmonien im Kopf hin und her schwappt und perfekte Kreise zieht verschwinden erst bei Tagesanbruch.
Solche Nächte, in denen der Schlaf scheinbar vergessen hat, das letzte Bett zu besuchen, in denen leise Stimmen in die Gedankengewebe fließen und sich dort festklammern gehören nur den Worten und mir.
Worte, die sich nicht aufschreiben lassen, für immer verschlossen im komplizierten Labyrinth von Träumen und Musik ganz unten, in den Kellergewölben meines Gedankenpalastes.
Es sind reine Worte, unberührt und ursprünglich, in rauher, ungewöhnlicher Schönheit, die einen Sinn ergeben den sie selbst nicht verstehen, die sich einzeln und allein zu einer großen Masse drehen.

Worte, die sich danach sehnen, gesehen zu werden, verstanden, viel tiefer als mit Augen und Gehirn.
Worte, die auf jemanden warten, der ihren taumelnden Tanz unterbricht und ihnen eine neue Heimat gibt, leicht und frei auf den Dächern der Illusionsstädte, unter den Sternen fliegend und zum Himmel aufstrebend, wie ein umgekehrter Herbstblattfall.

In solchen Nächten ist kein Platz für Zweifel.
In solchen Nächten glüht die Hoffnung in den Wünschen.

Alles Liebe,
Mer-Yan



Sonntag, 20. Juli 2014
Mein Berlin
Für eine Schulaufgabe (Studienfahrt nach Berlin) dieses poetisch angehauchte Stadtprofil...


Mein Berlin. Natürlich kann niemand das wirklich sagen. Berlin ist keine Stadt die irgendjemandem gehört. Berlin gehört gleichzeitig allen und niemandem. Am ehesten gehört es vielleicht den Tauben auf den Häusern.
Berlin, das heißt Geschichte und Vergangenheit. Es heißt Mauer und Trennung, aber auch Wiedervereinigung und Neuanfang. Es heißt Luftbrücke, es heißt Holocaust-Denkmal und Stasi und Potsdamerkonferenz und so vieles mehr. Berlin ist eine gezeichnete Stadt, eine Stadt mit einem vernarbten Gesicht und Augen, in denen man sieht, dass sie alles überleben können. Dass sie alles überlebt haben. Eine Stadt mit gerunzelter Stirn und Lachfalten um die Mundwinkel. Diese Stadt hat so viel erlebt, eine unglaubliche Zerstörung und den Wiederaufbau, Morde und Geburten, Trauer und Freude, und man kann es sehen. Wenn man die Augen aufmacht und hinsieht, dann kann man die Details erkennen, die sich in jeder Ecke verstecken, kleine Zeichen und Dinge die alle ihre ganz eigene Geschichte von Berlin erzählen. Nur derjenige, der sie alle gesehen hat, der jede Geschichte gehört hat, der kann behaupten, dass er Berlin wirklich kennt.
Berlin, das heißt Politik und Macht. Es heißt Reichstag und Bundestag und Regierungsviertel, es heißt Parlament und rotes Rathaus, Diskussionen und Demonstrationen. Es heißt neue Anstöße in der Politik, es heißt Aktionen und Reaktionen, es heißt große, aufsehen erregende Proteste wie den CSD oder kleine, unauffällige an Laternenpfählen und Ampeln. Es heißt Wissenschaft und Universität, lernen und lehren, sprechen und lesen und Austauschen, neu entdecken und wiederentdecken, belegen und widerlegen.

Berlin, das heißt Kunst und Musik und Literatur. Es heißt Abenteuer und Straßenpoesie, es heißt Fête de la Music, es heißt Museumsinsel und Volksbühne und komische Oper, Straßenkunst und Grafity. Es heißt alternative Künstlerverbände, Hipster und unterirdische Ateliers mit viel zu wenig Licht an der Bergmannstraße in Kreuzberg. Es heißt Gartenbauprojekte auf dem Tempelhofer Feld und es heißt Menschen, die sich Zeit nehmen, mit winzigen Gesten Kunst und Schönheit durch die ganze Stadt zu verstreuen. Neue Ideen, neue Lebensweisen, unendlich viele verschiedene Kulturen.
Berlin, das heißt auch der Blick nach unten, damit man nicht in Hundescheiße tritt, unendliche Baustellen, zerkratze U-Bahn-Fenster, Spritzen auf der Straße und im Sommer trockene Brunnen, weil die Stadt nicht genügend Geld hat. Müllmänner mit Überstunden und blutig zusammengeschlagene Männer auf dem Potsdamerplatz, weil eine Gruppe Halbstarker fand, sie sähen schwul aus. Es heißt auch Villenviertel, in denen niemand weiter nach unten sieht als er unbedingt muss.
Aber was Berlin wirklich ausmacht, das sind seine Menschen. Das sind die Mütter, die in letzter Zeit in Horden die Spielplätze belagern. Die Drogenhändler in der Hasenheide, die türkische Familie die scheinbar jeden Samstag einen Geburtstag feiert. Das sind die Obdachlosen und die Aluminium-Frau, die immer an der Hermanstraße in die U-Bahn einsteigt und so zerbrechlich aussieht, wenn sie um Geld bettelt. Das sind die Grafitykünstler, die sich friedlich mit einem Polizisten über den Sommer unterhalten. Das sind die Punks, die in Gruppen durch die Gegend ziehen, das sind die reichen alten Frauen, die bei Dussmann einkaufen und direkt danach im Kleidergeschäft verschwinden. Das sind die Touristen, die die Stadt durch den Sucher ihrer Kameras betrachten. Das sind die Musiker und die Hipster, die Künstler und die Alternativen. Es sind auch die ganz normalen Menschen, die einfach nur vor sich hinleben.
Gemeinsam haben sie nur dieses bestimmte Berliner Gefühl. Verrückt, verschroben, berlinerisch.
Und genau darauf freue ich mich am meisten, wenn ich daran denke, nach Berlin zu fahren. Mich wieder hineinzustürzen in diese Verrücktheit und wieder in der Masse meiner Geburtsstadt zu verschwinden. Die verschmutzte Großstadtluft tief einzuatmen, dem Fahrradfahrer aus dem Weg zu springen, der sich mit wildem Klingeln Durchlass verschafft, mir von dem kleinen Zettelfetzen an der Hauswand seine Geschichte erzählen zu lassen und genau zu wissen, dass ich wieder in Berlin angekommen bin.


Berlin war übrigens richtig geil, wenn auch extrem anstrengend...
Alles Liebe,
Mer-Yan